Das Attentat vom 9. November

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Maurice Bavaud

Wochenlang hatte sich der Attentäter schon in Deutschland aufgehalten. Mit einer Pistole macht er heimlich Schießübungen. Er heftet sich an die Spuren seines Opfers und pendelt zwischen Berchtesgaden und München hin und her. Sein Plan ist gewagt. Vor versammelter Menschenmenge will er zuschlagen – an der Münchner Feldherrnhalle, am 9.November.

Es ist das Jahr 1938 und der technische Zeichner Maurice Bavaud aus der Schweiz hat den Führer, Adolf Hitler im Visier. Der gläubige Katholik sieht die Unabhängigkeit der Schweiz, die Kirche und die gesamte Menschheit durch den Diktator bedroht. Darum ist er zu allem entschlossen.

Er gibt sich als glühender Nationalsozialist aus. Deshalb gelingt es ihm, einen Platz auf der Ehrentribüne zur Gedenkfeier am 9. November zu bekommen. Gleichzeitig finden in ganz Deutschland die Judenpogrome statt. Der Führer spricht zu der begeisterten Menge. Während die Anhänger jubeln, greift Bavaud entschlossen zu der in seiner Manteltasche versteckten Pistole.

Aber er ist viel zu weit weg. Zudem versperren ihm die fanatisch zum Hitlergruß erhobenen Arme die ohnehin schon schlechte Sicht auf sein Ziel. Er gibt seinen Plan für diesen Tag auf. Doch er bleibt seinem Opfer weiterhin auf den Fersen. Aber es kommt zu keinem weiteren öffentlichen Auftritt des Führers, bei dem er die Chance hat, näher an ihn heranzukommen und sein Werk zu vollenden.

Entnervt will er mit dem Zug nach Paris, dort wo sich auch sein Freund Marcel Gerbohay aufhält, mit dem er gemeinsam seinen Plan gefasst hatte. Da er keine Fahrkarte hat und unerlaubt eine Waffe trägt, wird er nach einer Kontrolle verhaftet und später zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Dann gerät er in die Fänge der Gestapo.

Sie foltern ihn, den Pazifisten, der alles andere als ein kaltschnäuziger Attentäter ist. Einige Dokumente machen ihn verdächtig und er gesteht seine Pläne. Auch den Namen seines französichen Freundes lässt er sich entlocken.

Die Schweizer Diplomatie wird auf den Fall aufmerksam, aber man findet seine „feigen“ Mordpläne verabscheuenswürdig. Man kümmert sich nicht weiter um Bavaud. So kommt es zu einem geheimen Prozess, bei dem Maurice Bavaud zum Tode verurteilt wird. 1941 wird das Urteil durch die Guillotine vollstreckt.

Die Nazis sind gründlich und vergessen nicht. Der Name seines Freundes Marcel Gerbohay steht nach wie vor auf der Liste der Gestapo. Nach dem späteren Einmarsch in Frankreich wird auch er gefasst und 1943 ebenfalls geköpft.

Doch die Geschichte endet hier noch nicht – 1955 wird Bavaud auf Antrag seines Vaters teilweise von einem Gericht rehabilitiert, die Strafe nur reduziert. Der Urteilsspruch

„Das Leben Hitlers ist […] in gleicher Weise als geschütztes Rechtsgut anzuerkennen, wie das Leben eines jeden anderen Menschen. Ein Rechtfertigungsgrund im Sinne einer etwa erlaubten Diktatorentötung ist dem Strafrecht fremd.“

zeigt, wie sehr die Nazidiktatur noch in der Bundesrepublik lebendig war. Erst ein Jahr später wurde dieses Urteil aufgehoben und die Familie mit 40.000 Franken entschädigt.

Dennoch geriet die Geschichte von Maurice Bavaud in Vergessenheit. 2013 wurde  in München im Rahmen der Gedenkfeiern zum 75. Jahrestag der Novemberpogrome erstmals öffentlich an ihn erinnert.


Heute wird dem Fall der Mauer von 1989 gedacht und natürlich lassen die Massenmedien mit einem wahren Propagandafeuerwerk das Dritte Reich wieder auferstehen, doch der 9. November ist weitaus geschichtsträchtiger – er gilt gemeinhin als Schicksalstag der Deutschen.

1848 wurde in Wien der deutsche Freiheitskämpfer Robert Blum erschossen.

1918 beendete die Novemberrevolution in Berlin das Kaiserreich wegen der bevorstehenden Niederlage des 1. Weltkriegs. Kaiser Wilhelm II wurde abgesetzt und die Republik ausgerufen.

1923 versuchten die Nationalsozialisten in München mit dem Hitler-Ludendorff-Putsch die Republik der verhassten „Novemberverbrecher“ zu stürzen. Der Putsch scheiterte und Hitler wurde einige Tage später festgenommen und zu einer milden Haftstrafe verurteilt, während der er sein Werk Mein Kampf verfasste.

Die Nazis nutzten fortan das Datum zur Legendenbildung und 5 Jahre nach der  Machtergreifung am 9. November 1938 fanden die als Reichskristallnacht bezeichneten Juden- oder Novemberpogrome statt.

Wäre Bavauds Plan geglückt, dann hätte die Geschichte einen anderen Verlauf genommen – der Mauerfall wäre ausgeblieben. Würden wir seine Tat heute feierlich würdigen oder alljährlich den Verlust des geliebten Führers betrauern?

Hätte ein frühes Attentat, wie auch der ein Jahr später missglückte Bombenanschlag von Georg Elser den zweiten Weltkrieg verhindert?


Bildquelle: unbekannter Urheber/ Public Domain – Quellen: u. a. Maurice Bavaud Gedenkseite im Internet

auch interessant:

9. November – Gedenken und Würdigung eines wirklich deutschen November-Tages…

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Wolfgang van de Rydt
Über Wolfgang van de Rydt 289 Artikel

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3 Kommentare

  1. Recht und Gerechtigkeit sind nicht das Gleiche, oft sogar das Gegenteil.
    Recht beugt sich vor dem Regime.
    Gerechtigkeit ist unbeugsam, wie Tyrannenmörder,ein seltenes Gut.

  2. Hätte der Hund nicht geschissen, dann hätte er den Hasen gekriegt!

    Fragen wir doch mal so, hätte Hitler´s Hebamme ein Recht gehabt
    ihm das Leben zu nehmen nur weil sie, die Nacht zuvor, einen
    bösen- die Zukunft betreffenden Traum hatte, dessen „Wahrwerdung“
    nur dadurch abgeändert werden konnte, wenn sie das vor ihr
    liegende Baby tötet?

    Nein, natürlich nicht!

    Darum ist die damalige Rechtsprechung auch nicht Ausdruck von
    Nazi-Denke, wie der Autor fälschlicher Weise wähnt!
    Erst die spätere Rehabilitierung solcher „Opfer“ sollte einen
    bedenklich stimmen.
    Wenn Maurice Bavaud, Georg Elser&Co. nicht geisteskrank oder
    verwirrt waren, dann waren sie Mörder, bzw. haben einen
    Mordversuch geplant.
    Die Planungen und Tatausführungen weisen Mordmerkmale auf,
    darüber hinaus lassen sich auch keine anderen objektiven
    Rechtfertigungen für ihre Taten, im Sinne von Recht und Gesetz,
    finden. (Damals nicht und heute auch nicht!)

    Die dahintersteckende Motivation nämlich, am geltendem Recht
    vorbei, sich die „Freiheit“ herauszunehmen andere aus dem Weg
    zu räumen selbst dann, wenn sie die Taten noch gar nicht begangen
    haben, ist selbst menschenverachtend und faschistoid!

    In diesem Sinne Herr van den Rydt, schauen sie doch mal ob ihr
    Kompass noch richtig justiert ist und lesen sie mal ein paar
    Grundlagen über Recht.

  3. Aus heutiger Sicht war Hitler eine üble, ekelhafte, schon immer zum Verbrechen angelegte Drecks-Person, damals aber haben das aus der Not und den ersten Erfolgen heraus viele anders gesehen.

    Und er hatte bis zuletzt genug devot-dumpfe Gefolgsleute wie jenen Hausmeister der Münchner Uni, welcher die Türen schloß, um so die jugendlichen Flugblattverteiler der Weiße-Rose-Gruppe fassen zu können, welche er der Gestapo übergab mit folgenden Hinrichtungen. (PS. Auch ich wurde 2013 von einem ähnlich legalistisch-dumpfen Regimebüttel, einem Schuldirektor, in ähnlichem Zusammenhang angezeigt!)

    Die Legitimationsformel,daß Hitler und Volk identisch seien, war von Anfang an (ohne freie Bedingungen und ohne freie Wahlen!) eine dreiste Lüge, um die von Anfang an brutal-harte, dann immer totalitärer und entmündigendere, zuletzt offen entmenscht-mörderische Diktatur zu rechtfertigen.

    Rückblickend war die NS-Zeit trotz anfänglicher, aber nur mit einer Riesenverschuldung des Staates so möglicher Erfolge eine Schande und unleugbare Schuld (das Merkel-Regeme heute ebenso!!) für das deutsche Volk und Land, selten hat es eine derart verroht-primitive Regierung abstoßendster Personen gegeben vorher und nachher!! Diese Art Menschenschlag, heute nur noch minimal bei NPD und Nazigruppen vorhanden, war echt das letzte!

    Nur hatten damals die demokratischen Regime- und Systemparteien an der Krise, die zu Hitler führte, ihren großen Anteil (heute wieder!), speziell die vor 1933 krass versagende SPD!!

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