Bessere Versorgung durch Klinikschließungen?

In Deutschland sollten 1.600 Krankenhäuser schließen, damit die medizinische Versorgung besser wird. Dieser Vorschlag kommt nicht etwa von ambulanten Mitstreitern, sondern aus der Wissenschaft. Der Gesundheitsminister schweigt dazu und hofft, dass sein Krankenhausstrukturgesetz die dringend benötigten Schließungen forciert.

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Die wissenschaftlichen Kommissionen „Gesundheit“ und „Wissenschaftsethik“ der Nationalen Akademie der Wissenschaften (Leopoldina) machen sich Gedanken um das deutsche Gesundheitswesen. In einem acht Thesen umfassenden Diskussionspapier kommen die Akademiker zu einem ernüchternden Resümee für die stationäre Krankenhausversorgung: Zu viele, zu unflexibel, zu teuer und zu unübersichtlich finden sie die hiesige Klinikstruktur. Das Papier trifft die Gesundheitsakteure im stationären Bereich wie ein Schlag in den Magen.

„Zum Verhältnis von Medizin und Ökonomie im deutschen Gesundheitssystem“ lautet die Überschrift der 17-seitigen Publikation, die es in sich hat. Zu den sechs Autoren, die ihre „Thesen zur Weiterentwicklung zum Wohle der Patienten und der Gesellschaft“ aufgeschrieben haben, gehören die Professoren Detlev Ganten, Reinhard Busse und Stefan Huster. Der Krankenhaussektor in Deutschland sei unnötig aufgeblasen und ineffizient. Die Debatte über den Mangel an finanziellen und personellen Ressourcen in Kliniken habe den Hintergrund, dass es zu viele Krankenhäuser, zu viele Fallzahlen sowie nach wie vor eine zu lange Verweildauer der Patienten gebe. Zu diesem Ergebnis kommt die Leopoldina. Die Experten machen eine tiefgreifende Rechnung auf: Für eine effektive Versorgung würden 330 Krankenhäuser in Deutschland ausreichen. Aktuell gibt es rund 1.980 Kliniken. Von den 1.371 Kliniken in den Krankenhausplänen der Länder hätten 359 nicht einmal einen Computertomografen, 261 Häuser kein einziges Intensivbett. Ferner würde die Reduzierung der stationären Kapazitäten den Personalmangel aus dem Weg räumen. Es gebe ausreichend medizinische und pflegerische Fachkräfte, diese seien aber auf zu viele Kliniken verteilt.

Leopoldina bedeutsam, aber auch einflussreich?

Zugegebenermaßen: Ähnliche Stellungnahmen zur Reduzierung der Anzahl der Krankenhäuser gab es schon häufiger. Der gravierende Unterschied liegt jedoch im Absender dieses Papieres. Herausgegeben hat den Bericht das wohl bedeutsamste wissenschaftliche Institut des Landes, die Leopoldina. Seit 2008 berät ein Gremium die Politik in wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Fragen, unabhängig von jeglichen Interessen, nur der Wissenschaft verpflichtet, wie es in der Satzung hervorgehoben wird. Politiker in hohen Ämtern holen sich hier regelmäßig Rat. Die Autoren der Studie weisen darauf hin, Kürzungen im stationären Bereich seien gar nicht ihr Ziel. Deutschland betreibe aber „eine überproportional hohe Zahl von oft schlecht ausgestatteten Krankenhäusern“. Eine der Folgen: Herzinfarktpatienten sterben in deutschen Kliniken beispielsweise doppelt so oft wie in Schweden. Das sollte künftig vermieden werden – durch die Schließung ineffizienter Krankenhäuser. Sie plädieren dafür, die vorhandenen finanziellen und personellen Ressourcen besser zu verteilen. Es brauche den politischen Willen, die Krankenhausstruktur grundlegend zu ändern und die rechtlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen, eine Reduktion der Zahl der Krankenhäuser, nicht nur der Betten, zu erreichen, heißt es im Vorwort der Papiers.

Bringt Krankenhausstrukturgesetz Schließungen?

Dass es zu viele Krankenhäuser gibt, hat auch der Gesetzgeber erkannt. Seine Antwort darauf steckt im Krankenhausstrukturgesetz, das seit Jahresbeginn in Kraft ist. Große Effekte im Hinblick auf Schließungen von Krankenhäuser erwartet wohl niemand, der etwas von Gesundheitsgesetzgebung und Föderalismus versteht. Sogar Staatssekretär Stroppe räumt in einem Interview ein, dass man die Regelung auch weiter im Blick haben werde und die Länder bei der Aufgabenerfüllung beobachten werde. Ein Selbstläufer ist das Gesetz demnach nicht. Ein radikales Thesenpapier wie das in Rede stehende wäre sonst kaum publiziert worden. Die Politik hat auch in dieser Legislatur die Hausaufgaben nicht gemacht. Warum? Notwendige Änderungen in der Krankenhausplanung überschreiten die Regelungskompetenz eines Gesundheitsministers bei weitem. Hier regieren viele Fürsten, die als Versorger mit ihrem Krankenhaus auftreten. Es wird höchste Zeit, der Bevölkerung die Defizite dieser medizinischen Einrichtungen vor Augen zu führen. Die Ergebnisse der Qualitätsberichte sprechen seit Jahren gegen die gelebte Krankenhauskleinstaaterei. Kein Arzt und kein Pfleger ist hierzulande überflüssig. Die Struktur treibt diese aber an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit.

Vorschläge stoßen auf Widerstand bei Akteuren

Die Reaktion der Angesprochenen lässt nicht lange auf sich warten. Sowohl der Marburger Bund (MB) als auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) lehnen die Pläne ab, die nach dänischem Vorbild vor allem aus wirtschaftlichen Gründen für eine massive Reduzierung der Krankenhäuser in Deutschland auf 330 Zentralkliniken plädieren. Der MB warnt vor einer massenhaften Schließung von Krankenhäusern. „In keinem anderen Versorgungsbereich hat es in den vergangenen Jahren mehr Rationalisierung und staatlich verfügten Kapazitätsabbau gegeben als im Krankenhaussektor“, erklärt Rudolf Henke, Vorsitzender des MB, anlässlich der Hauptversammlung seines Verbandes. Den Vorschlag der Leopoldina bezeichnet Henke als „Kettensägenmassaker an der deutschen Krankenhauslandschaft“. Henke erläutert weiter, in den vergangenen 20 Jahren seien rund 110.000 Krankenhausbetten abgebaut worden. Gleichzeitig sei die Zahl der stationär behandelten Patienten von rund 16 Millionen auf 19,2 Millionen gestiegen. „Wer dann immer noch Hunderte von Krankenhäusern für überflüssig erklärt, redet letztlich einer Unterversorgung das Wort“, so der MB-Chef Mit der freien Krankenhauswahl wäre es dann rasch vorbei. Der Staat sei verpflichtet, eine flächendeckende, gerechte und für alle Menschen gut erreichbare stationäre Versorgung sicherzustellen. Krankenhäuser seien keine Profitcenter. Sie müssten vielmehr eine wirtschaftliche und bedarfsgerechte Versorgung organisieren. Die Umsetzung der Vorschläge aus der Leopoldina würde neben der Schließung von 1.670 Häusern ein Investitionsvolumen von über 80 Milliarden Euro erfordern oder anders gesagt: 1.000 Euro pro Einwohner müsste der Staat in die überwiegend ambulante Versorgung investieren. Dieser Betrag wurde in Dänemark – das Länderbeispiel der Leopoldina für eine funktionierende und effiziente stationäre Versorgung – hineingesteckt.

Gassen: Vorschläge sind zu radikal

Auch die KBV kritisiert die Empfehlung von massiven Klinikschließungen. „Es ist an der Zeit, dass wir gemeinsame Wege finden, die Versorgung zu optimieren und die vorhandenen Ressourcen optimal zu nutzen“, erklärt Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV. „Die Vorschläge der Akademie sind aus meiner Sicht zu radikal. Ich glaube auch, dass der Vergleich mit einem Land wie Dänemark nur schwer möglich ist, wie es die Wissenschaftler getan haben. Denn dort gibt es keine freie Wahl des Arztes oder Krankenhauses, wie das die Patienten in Deutschland kennen.“

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2 Kommentare

  1. Ist doch ganz einfach.
    Verweilzeiten runter. Fallpauschalen hoch. Medikamente müssens richten.
    Kosten für PKV ebenfalls runter. Patienten die Dummen bei heute schon extremen Wartezeiten für nicht 0815 – Ops.
    Schöne profitgeile Welt. Die Alten werden dann wohl sozialverträglich mimimiert ? Mit Hz4 nicht ganz unmöglich. Aus fordern und fördern wird dann eben zwangsläufig fordern.
    Ein Verbrecher nach dem ein sozialer Kahlschlag benannt wurde.

  2. Tja, das Geld wird eben für etwas anderes gebraucht. Da kann man schonmal beschließen, eine komplette Infrastruktur einzudampfen und dabei so zu tun, als hätte man sie nie gebraucht. Deutschland macht langsam dicht. Bei steigenden Krankenkassengebühren selbstverständlich. Das ist genau so, als wenn man immer noch KFZ-Steuer UND Maut eintreiben würde, obwohl alle Straßen schon längst abgerissen wurden oder verrottet sind. Werde ich dann mit dem Hubschrauber zum nächsten Krankenhaus in 100km Entfernung geflogen, wenn ich mal ein gebrochenes Bein habe?

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