Behindertenwerkstätten: Die Wahrheit ist um einiges schlimmer, als Team Wallraff enthüllt

Alle Welt regt sich über die Reportage von Team Wallraff auf und über die betroffene Lebenshilfe Werkstatt in Leverkusen. Einmal, weil das Team Filmaufnahmen zurückgehalten hat und zum anderen über die schlimmen Missstände. Im RTL-Artikel dazu heisst es: „Herzlose Behindertenbetreuung macht Experten sprachlos.“ Vielleicht ist das der Dramaturgie geschuldet, aber ein echter Experte würde wissend mit dem Kopf nicken, wenn ihm solche Zustände geschildert werden.

Wenn jemand in der Sache über echtes Expertenwissen verfügt, dann bin ich das. Ich habe lange Jahre in mehreren Werkstätten gearbeitet – in der Schwerstmehrfachpflege, einige Zeit auch als Gruppenleiter in der ganz normalen „Produktion“, später mit den sogenannten Personen mit „herausforderndem Verhalten“ oder auch im sogenannten „Begleitenden Dienst“. Ich war solange ein äußerst geschätzter Mitarbeiter und „eine wahre Bereicherung“ für die entsprechenden Häuser, wie ich die Zustände nicht zu deutlich kritisierte. Während der Tätigkeit in einer der Einrichtungen habe ich Strafanzeige erstattet – wegen ähnlicher Vorkommnisse, die Team Wallraff schilderte. Dass ich danach nicht mehr allzu lange dort beschäftigt war, versteht sich von selbst. Selbstverständlich wurde ich nicht von der gesamten Belegschaft gemobbt, sondern habe selbst die Konsequenzen gezogen und gekündigt, um das klar zu stellen. Von zwei wegen Misshandlung Schutzbefohlener Angeklagten, wurde einer später wieder frei gesprochen, ursprünglich hatten beide mehrere Monate Haft auf Bewährung und Geldstrafe bekommen. Das Gericht sah allerdings auch große Versäumnisse bei dem „Unternehmen“.

Mein Artikel Etikettenschwindel Behindertenwerkstätten – von wegen Mindestlohn… erregte in der Szene großen Unmut und führte dazu, dass mich Dorothea Brummerloh vom DLF ausführlich für ein mehrteiliges Radiofeature interviewte. Nach der ersten Ausstrahlung meldeten sich zahlreiche ehemalige Kollegen bei mir und waren hocherfreut, dass die systemischen Missstände endlich einmal zur Sprache kamen. Die Sendung wurde gar mit dem Inklusionspreis 2016 des SOvD Niedersachsen ausgezeichnet. „Das System zeichnet diejenigen aus, die es kritisieren“ – schrieb die Journalistin, selbst Mutter eines Sohnes mit Autismus, mir dazu und erwähnte auch, wie sie bei einer Podiumsdiskussion angegangen wurde und man versuchte, die von ihr interviewten Personen als unglaubwürdig darzustellen. Ich war nicht der einzige Mitwirkende, aber ich kann mir schon denken, worum es ging. Für die letzte Sendung wollte sie noch wissen, was mein aktueller Beruf sei, ich antwortete „Verschwörungstheoretiker und Rechtspopulist“.

Aber zurück zu Team Wallraff: Ich will gar nicht so sehr ins Detail gehen und Team Wallraff handwerklich kritisieren, tatsächlich habe ich vor Jahren selber einmal an Günter Wallraffs Büro geschrieben, ob er nicht mal in diesem Bereich recherchieren wolle. Damals war er noch nicht für RTL unterwegs. Über die Standardabsage habe ich mich nicht geärgert, mir war schon klar, dass seine Mitarbeiter jede Menge Anfragen bekommen. Ich bin groß und kann das auch alleine.

Was gezeigt wurde, ist kein Einzelfall in solchen Werkstätten – aber auch nur die eine Seite der Medaille. Ich habe etliche Werkstätten und Wohnheime der unterschiedlichsten Träger kennengelernt, habe Personalfortbildung, Team- und Angehörigenberatung gemacht und mit dem härtesten Klientel gearbeitet, das keiner haben wollte: Aggressive und „Verhaltensauffällige“, deren Betreuung so manche hoch engagierte Fachkraft verzweifeln lässt. Es gibt sehr viele engagierte Leute in dem Bereich, die diese Arbeit gut machen, so weit es das System zulässt. Die Strukturen sind aber, wie ich im oben verlinkten Artikel ausführlich beschreibe, auf wirtschaftlichen Selbsterhalt und Daseinsberechtigung ausgelegt. Es herrscht faktisch Aufnahmezwang in den Werkstätten für alle angemeldeten „Rehabilitanten.“ Planstellen hängen von der Belegung ab, jeder Abgang kommt die Betreiber teuer zu stehen. Allerdings sollen nach gesetzlichen Vorgaben Leute nach draußen vermittelt werden – angesichts der Lage auf dem ersten Arbeitsmarkt ein Witz, zudem ist der größte Teil der beschäftigten Behinderten nicht in der Lage, eine Arbeitsleistung zu erbringen, wie sie im „Normalfall“ gefordert wird. Letztlich ist das System Werkstatt und Behindertenhilfe nur eine Simulation, die Normalität vorgaukelt, die nur in dieser Scheinwelt funktioniert. Die Inklusion, von der alle immer reden wäre sofort verwirklicht, wenn man alle Sondereinrichtungen ersatzlos schließen würde und alle in diesen Parallelwelten lebenden Menschen auf dem Boden der Tatsachen landen. Und das kann sehr hart sein.

Ein passiver Rollstuhlfahrer, der sich ohne fremde Hilfe nicht fortbewegen kann, weil seine Lähmung es nicht zulässt, die elektronische Steuerung zu bedienen, kann auch keine „Arbeit“ leisten, sondern muss mit hohem Aufwand betreut werden. Das System verlangt aber, dass diese Leute „beschäftigt“ werden und zwar mit „Arbeit“ oder „Teilhabe am Produktionsprozess“. Ich rede hier von Personen mit Schlucklähmung, die schon bei unsachgemäßer Anreichung von Spezialnahrung ersticken können, wie es einmal einem Kollegen von mir passiert ist. Wer sich an die Recherche macht, wird feststellen, dass je nach Bundesland auch Betroffene aus diese mPersonenkreis in Werkstätten als „Beschäftigte“ geführt werden und dementsprechend die Gelder fließen. Ist das nicht ein Witz oder schon strukturelle Gewalt? Was soll dieser Unsinn, wie in der Reportage zu sehen, einem völlig verkrampften „Mitarbeiter“ durch „Handführung“ irgendwelche Artikel in eine Kiste stopfen zu lassen? Das ist strukturelle Gewalt, Missbrauch, Zwang und vollkommen realitätsfern.

Der größte Teil der behinderten Menschen landet allerdings in den „Produktionsgruppen“. Der Personalschlüssel liegt oft bei 12:1.  Meistens sind die Leute in den Produktionsbereichen, also Großküche, Holz- und Metallverarbeitung, Verpackung, Lager u. ä. nicht ausreichend qualifiziert für die Arbeit mit dem Klientel, sondern „nur“ in dem entsprechenden Berufsfeld ausgebildet. Die Weiterbildung erfolgt erst nach der Festanstellung, manchmal Jahre später. Man ist froh, wenn die Vorgaben erfüllt sind und in jedem Bereich auch der vorgeschriebene Meister oder Geselle mit Ausbilderschein  vorhanden ist. Wenn alle Betreuten einigermaßen selbstständig sind, hat der Gruppenleiter solange ein gutes Leben, bis ihm „schwierige“ Personen vom Sozialdienst aufs Auge gedrückt werden. Eine Zeit lang war es mein Job, in solchen Fällen die Teams zu unterstützen und Lösungen für diese schwierigen Klienten zu suchen. Manchmal klappte es hervorragend, weil die Kollegen interessiert waren und die Leitung auch die notwendigen Veränderungen im Konzept unterstützte, damit der Alltag zufriedenstellend verlaufen konnte. Wenn sich herausstellte, dass der angedachte Kandidat aufgrund der Schwere seiner Behinderung nicht für die Einrichtung geeignet war oder die Einrichtung nicht für ihn, was auf Deutsch bedeutet, es gab tägliche Probleme, körperliche Angriffe auf Personal oder andere behinderte Mitarbeiter, dann war es nur selten möglich, so jemanden woanders unterzubringen. Keiner will sie haben, aber man sagt es nicht, sondern lobt sie weg. Wer sich sach- und fachkundig die Zeugnisse mancher Sonderschulen anschaut, kann nur mit dem Kopf schütteln. „Wirtschaftsmathematik“ heißt manchmal nur, dass der Schüler im Zahlbereich von 1 – 100 Addieren kann. Dass er vielleicht auch gelegentlich kratzt, spuckt und beisst, steht nicht unter „Sozialverhalten“, weil das ja „abwertend“ und „defizitorientiert“ ist.

Bei einem Stellenschlüssel von 1:12 kann man sich ausmalen, wie sich das überforderte Personal entwickelt, wenn die erste Euphorie nach dem Einstieg als Gruppenleiter verflogen ist. Die einen werden überfürsorglich, machen sich unentbehrlich bei ihren Betreuten und verlieren jede notwendige professionelle Distanz, um Defizite, die laut Förderplan beseitigt sein müssen, auszugleichen. Die anderen stehen draußen und rauchen. Bei den Sozialdiensten nennt man das Dauerkaffeetrinken natürlich „Besprechung“ von denen es etliche gibt, bei denen nicht selten so wichtige Themen auf den Tisch kommen, ob man noch das Binnen-I beim Gendern benutzt oder gerade der Unterstrich wieder angesagt ist. Eine dem Klischee entsprechende lesbische Leitung, natürlich ohne Kinder, setzte sich mit Vorliebe dafür ein, dass man nur noch die weibliche Form verwenden solle, weil diese ja die männliche mit einschließen würde. Darüber wurde manchmal heftiger gestritten, als eine notwendige „Fallbesprechung“ abgehalten, schließlich muss die Arbeit an der Basis von den Leuten erledigt werden, die oft nicht mal Akteneinsicht bekommen und gar nicht wissen, mit wem sie es zu tun haben. In einigen Fällen entdeckte ich haarsträubende Diagnosen in den Unterlagen, die niemand beachtete, wie zum Beispiel schwerwiegende genetisch bedingte Erkrankungen, die einen fortschreitenden Abbau zur Folge hatten und erklärten, warum es einfach nicht klappen wollte mit der Integration in den Werkstattbereich.

Von einem „Hallervorden-Spatz-Syndrom“ – „Prader-Willi“ – „Chorea Huntington“ oder auch der erhöhten „Vulnerabilität“ von behinderten Menschen, psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten zu entwickeln, weiß man  in den Werkstätten oft genauso wenig, wie über die Medikamente, die man ihnen täglich verabreichen muss. Manche Gruppenleiter sprachen von „eleptischen“ Anfällen und meinten „Epilepsie“ – eine Praktikantin von der Schule für Ergotherapie fragte mich vollkommen ernsthaft, ob eine junge Frau, die nicht sprechen konnte und sich in Stresssituationen die Haare ausriss, um sie aufzuessen, eigentlich wirklich behindert oder „nur so zurückgeblieben“ sei. Die Dame bestand später ihr Examen, genauso wie ein weiterer Schüler, der seit einem Schädel-Hirntrauma berufsunfähig war und unter starken Konzentrationsstörungen litt. Solche Leute landen später dort, wo nicht auffällt, dass sie zur Berufsausübung nicht geeignet sind – im Behindertenbereich. Die meisten aber sind überhaupt nicht medizinisch, pflegerisch oder pädagogisch vorgebildet. Das ist der ideale Nährboden für die Entstehung von Missbrauch und Misshandlung, nicht nur durch Personal an den Betreuten, sondern auch unter der behinderten Klientel. Über dieses Dunkelfeld mag man noch weniger gerne reden, als über die angeblichen Einzelfälle von Schikane durch Personal, das man unter anderem auch wegen Kündigungsschutzgesetzen nicht so einfach loswerden kann. Es wird eben jeder solange mit durchgeschleppt wie es geht, denn über all diesen Einrichtungen steht stets ein Leitbild, nach dem „bei uns der Mensch im Mittelpunkt“ steht, wie schon in der DDR-Verfassung.

Wenn das Bild doch mal erschüttert wird, sind sogenannte Experten und Leitungen so sprachlos wie das Politbüro anno 1989.

Anzeige

für eine Banküberweisung finden Sie die Kontonummer im Impressum

Opposition 24 unterstuetzen
Ihre Email Adresse:

Hinweis zu den Kommentaren

Kommentare geben nicht die Meinung der Redaktion wieder!
Wolfgang van de Rydt
Über Wolfgang van de Rydt 280 Artikel
Freier Journalist - Autor - Musiker

2 Kommentare

  1. Sehr sachlich und erschreckend. Danke . Hoffentlich ändert sich jetzt in allen Köpfen etwas. Auch in der Chefetage! Bitte mach weiter!

Kommentare sind deaktiviert.