Aus dem Tagebuch eines bulgarischen Migranten, der sich in Saudi-Arabien als Ukrainer aus dem Donezk ausgibt

Wie ich Flüchtling wurde

von Toby S.

Riad – Saudi Arabien

19. Oktober 2015, Montag

Heute überquerte ich illegal die Grenze nach Saudi-Arabien. Auf dem Weg dorthin warf ich meinen vom Bezirksamt in Burgas ausgestellten Personalausweis weg und erzählte den Grenzwächtern, dass ich ein Flüchtling aus dem Donezk sei, welcher vor Putins Terror flieht. Sie glaubten mir sofort und brachten mich mit dem Zug nach Riad.
Man brachte mich in einem 3 Sterne Hotel unter, obwohl es in der Nähe auch ein 5 Sterne Hotel gab, doch mir wurde versichert, dass mir ab morgen eine Wohnung zur Verfügung steht. Am nächsten Tag stellte sich dann aber heraus, dass sich der Umzug um einen ganzen Tag verzögert. Da flippte ich aus. Ich zertrat das Essen, welches mir ein paar Rechtsschützer mit Tränen in den Augen überreichten, schüttete das Mineralwasser vor ihnen aus und zerlegte das schäbige Hotelzimmer. Die Sitzgarnitur flog direkt von der Terrasse runter. Irgendwelche Leute unten begannen zu zetern, aber der Hotelmanager erklärte ihnen, dass ich aus einem Kampfgebiet komme, in meiner Seele die Wunden des Krieges trage und tief traumatisiert sei, so dass sie Verständnis haben sollten.
Sie hatten.
Am Donnerstag schmiss man zwei arabische Rentner aus ihrer Gemeindewohnung, um mich einzuquartieren. Die Alten zeigten sich rebellisch und mussten mit Polizeigewalt abgeführt werden. Nun werden sie wegen Unruhestiftung vor Gericht kommen. Mich aber empfingen vor dem Wohnblock Kinder mit Blumen. Von irgendwo tauchte plötzlich König Abdullah ibn Abd al-Aziz Al Saud auf und schoss ein Selfie mit mir. Ich bekam 2000 Dollar um meine ersten Bedürfnisse zu decken.
Am Freitag besuchte mich ein Sozialarbeiter. Er brachte mir eine Broschüre mit den ersten 10 Artikeln der arabischen Verfassung, übersetzt in meiner ukrainischen Muttersprache mit und fragte, ob ich irgendetwas brauche. „Ja, sag dem Kerl, der jeden Morgen vom Minarett brüllt, er soll seine Stimme etwas dämpfen, weil ich so nicht schlafen kann“ verlangte ich und er notierte sich das gewissenhaft.
Am Sonntag machte ich einen Spaziergang, um das Auge etwas zu erfreuen, aber alle Frauen waren wie Kokons eingewickelt. Das ärgerte mich dermaßen, dass ich am Montag deswegen eine Klage in der Gemeinde einreichte. Noch am gleichen Tag verfasste der Direktor des Stadtbezirksgymnasiums ein Appell an die Schülerinnen, in dem er anordnete, auf das Tragen von Burkas zu verzichten, weil so meine Gefühle verletzt werden. Er empfahl ihnen, weit ausgeschnittene Blusen und Miniröcke, weil mein charakterologisches Wesen als Europäer  verlangt, Brüste und Schenkel zu betrachten. Der entsprechende Flyer wurde den Eltern zur Info und Befolgung zugestellt.
Ich beschwerte mich beim Sozialarbeiter über das Essen. Hammelfleisch ist zu fett für meinen delikaten Magen, Rindfleisch ist zäh und ramponiert meine Zähne. Ich erklärte ihm, dass ich zartes Fleisch bevorzuge, Schweinenackensteaks, Lendenbraten, notfalls auch eine Hackse. Er versprach die nötigen Maßnahmen einzuleiten. Jetzt sind alle Dönerbuden in der Umgebung angewiesen, ihr Hammelfleisch nicht offen anzupreisen, um bei mir keinen seelischen Stress zu verursachen.
Man hat es nicht einfach als Migrant! Heute musste ich ganze dreihundert Meter zu Fuss laufen, um meine Sozialhilfe von schlappen 2000 Dollar zu kassieren. Das gebrachte mich so auf, dass ich es an einer Schülerin ausliess. „He, wieso trägst du Burka, man hat dir doch gesagt du sollst einen Minirock anziehen!“ brüllte ich sie an. Sie erwiderte etwas, also langte ich ihr ein paar. Ich dachte daran, sie in die Büsche zu schleifen und vergewaltigen, aber als ich mir vorstellte, wie mühsam es wäre sie auszupacken, verzichtete ich. Später erfuhr ich, dass ihre Brüder das mit den Ohrfeigen nicht ok finden, eine Anzeige bei der Polizei erstattet und eine Unterschriftensammlung gegen mich organisiert hätten. Zu meiner Verteidigung musste der Innenminister im Fernsehen auftreten: „Wir müssen Verständnis für die Christen zeigen und hoffen, dass sie Morgen, wenn sie eine Mehrheit in Saudi-Arabien bilden werden, das gleiche für uns haben“ äusserte er.
Diesen Morgen sagte ich dem Sozialarbeiter, dass ich vor Langeweile sterbe und er soll sich mal in Bewegung setzen um irgendeine Show zu organisieren, eine Schwulen-Parade, oder so was. Er glotzte mich an, aber ich äusserte, dass wir bereits im 21. Jahrhundert leben und hier endlich neue Werte zur Geltung kommen sollten. „Jede Ehe kann gleichgeschlechtlich sein, jeder Mann eine Mutter!“ erklärte ich ihm pathetisch. Ich war nicht sicher, ob er mich verstand, aber er notierte es.
Am Nachmittag kamen irgendwelche Soziologen, um mich zu befragen. Ich zeigte mich offen und gestand, dass ich tiefe Verachtung und Abscheu für mein Gastgeberland empfinde, aber nichts dagegen habe, wenn sie mich verpflegen und unterstützen. Es stört mich keineswegs.
Der Skandal um das Schulmädchen kochte wieder auf und so lud das zentrale Fernsehen zu einer Talkshow ein paar Mitglieder der Organisation „America for Saudi Arabia“, der „Rear Open Society“ und dem arabischen Helsinki-Komitee ein. Alle Teilnehmer waren sich einig, dass ich zu Unrecht beschuldigt wurde und dass meine Gegner alle Rassisten, Faschisten, xenophob, atavistisch, kannibalistisch und Christenhasser sind. Die Hälfte von ihnen muss in ihrer Kindheit entweder von ihren Vätern missbraucht worden sein, oder mit ihren Müttern geschlafen haben. Ich beruhigte mich, weil ich begriff, dass es der Bodensatz der Gesellschaft war, der mich hasste, wogegen ihr progressiver Teil mich unterstützte.
Heute fragte mich der Sozialarbeiter, ob ich denn nicht eine Arbeit anfangen würde. Ich erwiderte ihm, dass ich mich nicht integriert fühle, also soll er mir nicht mit so was kommen. Ich bleibe bei der Sozialhilfe. Klar, 2000 Dollar sind  so gut wie nichts, aber was soll’s, man muss auch mal harte Zeiten durchstehen können.
Original Bulgarisch. Wird seit 2015 im Netz herumgereicht. Hat mir gefallen, da hab ich es übersetzt.
Toby S.

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1 Kommentar

  1. … und wenn er nach dem ersten Absatz (der guten Satire) nicht geköpft wurde, so lebt er heute ausgewiesen in der BRD auf kosten der Steuerzahler!

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