Die Ausgangssperre gegen die Ausbreitung des Corona-Virus führte in den berüchtigten Pariser Problemvierteln anfangs zu einem Rückgang von Kriminalität und Zusammenstößen. Nach einem Zwischenfall mit der Polizei, bei dem sich ein Motorradfahrer ein Bein brach, ist die Gewalt im Vorort Villeneuve-la-Garennedie seit dem Wochenende wieder dramatisch eskaliert. Aufnahmen aus Problemvierteln zeigen schwere Attacken gegen die Polizeibeamten, die Jagd auf vermeintliche Angreifer machen.

Die Aufstände begannen am Samstagabend, als ein Motorradfahrer gegen die offene Tür eines Polizeiautos stieß und sich dabei das Bein brach. Wütende Anwohner beschuldigen die Polizei, die Tür vorsätzlich geöffnet zu haben, um so den Motorradfahrer gewaltsam zu Fall zu bringen.

Die Polizei verteidigt sich, der Mann sei bei seinem Fluchtversuch dem Polizeifahrzeug gefährlich nahe gekommen. Der Fahrer habe Aufforderungen zum Anhalten ignoriert und sei ohnehin vorbestraft.

Kurze Zeit später begann ein Mob, die Beamten mit „Wurfgeschossen“ und Feuerwerkskörpern zu attackieren und Mülltonnen anzuzünden. Vorwürfe in den sozialen Medien über Rassismus und Brutalität seitens der Polizei feuerten die Gewaltausbrüche noch an. Diese breiteten sich in der Folge auf weitere von Minderheiten bevölkerte Vororte aus, so etwa in Nanterre, Asnieres, Aulnay-sous-Bois, Saint-Denis, Villepinte und Neuilly-sur-Marne.

Polizeimannschaften begannen die Jagd nach den Aufständischen zwischen den Wohnblocks, setzten dabei Schlagstöcke und andere „nicht-tödliche“ Waffen ein, um Anwohner in ihre Häuser zurückzudrängen.

Die Sprecherin der Polizeigewerkschaft, Linda Kebbab, erklärte im Figaro, dass die Ausgangssperre die Situation in den Brennpunkten noch verschärfe und dass Kriminelle mittels der Unruhen die Situation für sich auszunutzen versuchen, um „die Kontrolle“ über jene Gebiete „zurückzuerobern“. Währenddessen wurden in sozialen Medien Fotos jenes Beamten verbreitet, der für den Motorradunfall verantwortlich war, was die Gewaltbereitschaft weiter anstachelt.

Die französische Menschenrechtsorganisation „Liga für Menschenrechte“ bewertet die Situation anders als die Polizei. Die Polizei würde vielmehr im ganzen Land rigoros die Ausgangssperre durchsetzen und dabei auch diskriminierende und missbräuchliche Polizeikontrollen bei Menschen allein wegen ihres Aussehens durchführen. Vergehen seitens der Polizei bei deren Aktionen blieben in Regel unbestraft. Videos solcher brutaler Polizeieinsätze waren zuletzt im März bei Twitter aufgetaucht.

Wir befürchten, dass sich diese illegalen Praktiken in den kommenden Wochen verschärfen werden, und dies in einem Klima bereits bestehender Straflosigkeit“, fügte die Organisation hinzu.

Seit dem 17. März herrscht in Frankreich eine Ausgangssperre. Man darf das Haus nur noch für nachweisbar notwendige Erledigungen verlassen. Der französische Premierminister Edouard Philippe hat erklärt, dass die Sperrmaßnahmen am 11. Mai aufgehoben werden.