Der SPIEGEL schrieb 2013:  “‘Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung” und dichtete dieses Zitat dem letzten deutschen Kaiser, Wilhelm II. an. Es gibt wohl kaum ein Erzeugnis der Qualitätspresse, in dem das angebliche Zitat in unterschiedlichen Varianten nicht irgendwann einmal aufgetaucht ist.

Gesagt haben soll seine Majestät jenen Ausspruch “um 1900” – doch wo und wann und zu welcher Gelegenheit dies geschehen sein soll und wo das Ganze dokumentiert wurde, etwa in einer Ausgabe der Zeitungen jener Tage, die mit Sicherheit darüber berichtet hätten, wird nie angegeben.

Aktuell wird das “Kaiserzitat” im Zuge der Debatte um Fahrverbote gerne als Beweis für deutsche Überheblichkeit in sozialen Netzwerken gepostet, mal von der einen, mal von der anderen Seite. Gibt jemand mal auf Nachfrage eine Quelle an, woher er denn wüsste, dass der letzte deutsche Kaiser so dumm gewesen sei, landet man wiederum bei SPIEGEL, WELT, SZ und Co. Dabei kann man auch über das Internet in mittlerweile digitalisierten Ausgaben aus den alten Zeitungsarchiven stöbern. Zum Beispiel in der österreichischen Nationalbibliothek. Man staune!

Die Suchbegriffe  “vorübergehende Erscheinung” “Kaiser Wilhelm” “Auto” bringen keinen Treffer. Wohl aber, wenn man statt “Auto” das Wörtchen “Socialdemokratie” in der damaligen Schreibweise eingibt, also “vorübergehende Erscheinung” “Kaiser Wilhelm” “Socialdemokratie”

Man stößt auf einen Artikel in der Reichspost vom 11. Januar 1900. Demnach hat der Kaiser folgendes gesagt: “Die Socialdemokratie betrachte ich als vorübergehende Erscheinung. Die wird sich austoben.”

So geschehen am  10. Januar 1900  während der Jahrhundertwendefeier an der Technischen Hochschule zu Berlin. 18 Jahre später musste der Kaiser auf Betreiben der Sozialdemokraten abdanken, nachdem sie voller Begeisterung mit zum Ersten Weltkrieg getrommelt hatten.

Gut hundert Jahre später hat sich seine Prophezeiung dann doch fast erfüllt. In ganz Europa ist die Sozialdemokratie nur noch ein Schatten ihrer selbst. Weitaus linksextremere Kräfte aber wollen nun auch dem Auto ein Ende bereiten. Dann darf auch gerne einmal der Kaiser für die Propaganda herhalten. Und mehr als das ist es nicht. Sucht man bei Google nach einem Beleg für das angebliche Zitat, landet man gleich an zweiter Stelle bei falschzitate.blogspot.com. Und dort erschließt sich die banale Wahrheit. Es gibt nicht einen Beleg für die Behauptung. Das “Auto-Zitat” wurde dem Kaiser in den Mund gelegt.

Das Phänomen der falschen Zitate blüht seit dem Entstehen der sozialen Netzwerke und es dient nicht nur der Verächtlichmachung, sondern auch der Überhöhung historischer Persönlichkeiten.

So soll “Mahatma” Gandhi die berühmten Worte „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du“ gesagt haben, was wiederum eine Falschbehauptung ist.

Tatsächlich hat der US-Gewerkschafter Nicholas Klein auf dem Gewerkschaftstag 1918 der Amalgamated Clothing Workers of America etwas ähnliches gesagt. Das allerdings ist eine andere Geschichte und was für ein schlimmer Finger Mahatma Gandhi in Wirklichkeit war, hat die Schriftstellerin Arundhati Roy anhand seiner eigenen Aufzeichnungen, darunter Tagebücher und Briefe, akribisch dokumentiert. Doch die Wahrheit passt eben nicht auf eine Twittercard …

2 KOMMENTARE

  1. Mich hat dieses angebliche Zitat stets stutzig gemacht, da Kaiser Wilhelm, gelernter Schreiner, ein ausgesprochener Technik-Freak war. Siehe zum Beispiel der moderne Ausbau der Hochseeflotte.

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