Ex-Sowjetunion heute (3): Zentralasien – wenig Spielraum für Westinteressen

Proportional zum ökonomischen Aufstieg Russlands und Chinas schwindet der westliche Einfluss in Zentralasien. US-Versuche zu Beginn des Jahrtausends mit dortigen Diktatoren „ins Geschäft“ (Militärbasen & Co.) zu kommen, sind passé. Die Staaten der Region basteln heute an der „Neuen Seidenstrasse“, wo es um die Sicherung der Energieversorgung Chinas geht. Dieser Beitrag beschreibt, wie die Zusammenarbeit der Ex-Sowjetrepubliken mit Russland und China funktioniert.

Usbekistan photo

Usbekistan – Straßenmarkt – Foto by Suama

Was berichten die Systemmedien über die Region?

Zentralasien macht kaum Schlagzeilen, weil es nicht im Fokus der Westmedien steht. Unsere Wertebrille sieht dort Demokratiedefizite, „gelenkte“ Diktaturen, Menschenrechtsverletzung und Parteienunterdrückungen mit polizeistaatlichen Methoden. Das war zu erwarten. Auch die Annäherung der Staaten an Russland und China wird kritisch beurteilt. Autokraten würden ständig mit über 90% zu Präsidenten gewählt – wird ferner beklagt. Andererseits gibt es dafür Lob, dass der orthodoxe Islamismus unter Kontrolle gehalten wird und die Länder uns im Kampf gegen Terrorismus und Drogenhandel unterstützen. Bei der Bewertung nationaler und ethnischen Konflikte hält man sich zurück. Es gibt weder „Böse“ noch „Gute“, wie im Falle der Ukraine. Im ökonomischen Bereich wird auf den Drahtseilakt zwischen den Beziehungen zu Russland und China einerseits und der EU andererseits hingewiesen. Lokale Machthaber versuchen, mit Doppelstrategien das Meiste für ihre Staaten herauszuholen. Dafür wird Verständnis gezeigt. Hinweise auf riesige Erdgas-Vorkommen – da war doch was mit Joschka Fischer und dem gescheiterten Erdgasprojekt Nabucco? – und das Engagement des IWF bzw. Weltbank runden das Wissen des Durchschnittsdeutschen ab.


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Die Interessen Russlands, Chinas und der Anrainerstaaten

In Mittelasien leben 8 Mill. Russen, gut situiert und oft in gehobenen Positionen. Umgekehrt arbeiten Millionen Zentralasiaten in Russland. Schon deswegen sind die politischen, militärischen und ökonomischen Bindungen partnerschaftlich. Sie belegen, dass es keine künstlichen Spannungen zwischen Russland und den Ex-Sowjetrepubliken gibt, wenn sich der Westen nicht einmischt (Ukraine, Baltikum, Moldawien). Die symbolischen „Westhilfen“ stören den Status Quo wenig, vor allem die Megaprojekte Neue Seidenstrasse und die Eurasische Wirtschaftsunion (EAWU) nicht. Das erste Vorhaben wird von China initiiert, das in Zentralasien neue Routen für seine Energieversorgung und Absatzmärkte schaffen möchte. Mit der Aufhebung der Iran-Sanktionen werden die Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem Reich der Mitte und seinem größten Erdöllieferanten massiv ausgebaut, was den Bau neuer Landverbindungen und Pipelines über Tadschikistan und Usbekistan impliziert (Strecke Kaschgar – Meschhed). Peking hat dafür eigens den Projektfinanzierer, die Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB) ins Leben gerufen, die als Gegenmodell zum US-dominierten IWF fungieren soll. Die von den USA sabotierte Aufnahme des Yuan als Weltreservewährung zielt in die gleiche Richtung. Immer häufiger wird – wie zwischen dem Iran und Russland -, in den Landeswährungen abgerechnet. Das bedeutet die Umgehung des USD und gefällt Washington nicht. Beim Clearing kauft der russische Importeur den Rial – Betrag vom russischen Iran-Exporteur und umgekehrt. Generell sind die Länder der Region an der Ökonomie interessiert und wollen keine Instabilität wie in Irak, Syrien oder Afghanistan.

Der Blick durch die ökonomische Brille eines Westbesuchers

Zentralasien ist politisch und ökonomisch inhomogen. Allein beim BIP pro Kopf liegen Welten: Während das rohstoffreiche Kasachstan mit 15.000 USD weltweit Platz 70 einnimmt, liegt der arme Nachbar Kirgisistan auf Platz 149. Auch einem unbefangenen Besucher aus dem Westen fallen viele weitere Besonderheiten und Niveaunterschiede auf.

1. Kann „sanfter Islam“ leistungsfördernd sein?

Wer islamische Länder kennt, den wird die liberale Variante in Zentralasien überraschen. Die wenigen Moscheen und Koranschulen, unverschleierte junge Frauen in europäischer Kleidung, in Geschäften großes Alkoholangebot, fehlender religiöser Fanatismus fallen positiv auf. Der Länderstreifen ist tolerant, blickt man auf christliche Gemeinden und die nach 1991 gebauten Gotteshäuser, wie den Uspienskij Sobor in Taschkent. Ähnlichen islamischen Pragmatismus wird der Westler nur in Indonesien und (vielleicht) in der Türkei finden. Mehr denken, weniger beten, hieß die alte Lebensweisheit zu Sowjetzeiten. Das bringt mehr Leistung als die „höchste“ Frömmigkeit – meinte unser Taxi-Fahrer Rustan. Die Länder sind ebenso wenig Polizeistaaten. Reiseführer berichten zu Unrecht von strengen Polizeikontrollen und peniblen Meldevorschriften. Es sind viele Uniformierte unterwegs und die noch mit der Hand auszufüllenden „Meldezettel“ in den Hotels störend. Sie geben aber der Reise den exotischen Reiz. Auch halbherzige Sicherheitskontrollen auf Bahnhöfen und an öffentlichen Gebäuden passen eher zum Stichwort „versteckte Arbeitslosigkeit“. Die Polizeipräsenz gibt dem Touristen das Sicherheitsgefühl, welches in Tunesien oder Ägypten nicht mehr gibt. Dynamik, Leistung oder Ordnung sind in Zentralasien auch nicht unbedingt erfunden worden. Es geht dennoch schneller voran, als z.B. im überbürokratisiertem Indien.

2. Nationalitätenkonflikte auch für ein fremdes Auge sichtbar

Die wirtschaftliche Integration wird durch andauernde nationale Konflikte, zeitweise „jeder gegen jeden“, verhindert. Der Reisende erfährt oft erst am Vortag, dass Grenzen geschlossen wurden, weil es Schiessereien mit Toten gab. Besonders streitsüchtig sollen die Usbeken sein, die mit 32 Millionen die Hälfte der Bevölkerung Zentralasien bilden. Es geht primär um die Historie aber auch um die kostbare Ressource Wasser. Die kleinen „Oberländer“ Tadschikistan und Kirgisien kontrollieren die Quellen der Flüsse Syr Daria und Amu Daria, an den Pamir-Ausläufern und schneiden den großen „Unterländern“ Kasachstan, Usbekistan. und Turkmenistan das Wasser ab oder verlangen dafür Geld. „Kalte Kriege“ um das kostbare Nass gibt auch zwischen den Nilanrainern Ägypten, Sudan und Äthiopien. Der verwirrende Grenzverlauf im fruchtbaren Fergana – Tal spricht eine deutliche Sprache. Es fehlen selbst Flugverbindungen zwischen den Hauptstädten, so hasst man sich. Spannungen sind schlecht für das Geschäft, dennoch wird nie so heiß gegessen wie gekocht. Der kleine Grenzverkehr für Verwandtenbesuche funktioniert trotzdem. Die zollfreie Grenze zwischen Kasachstan und Kirgisien zeigt, dass es auch anders geht. Hermetisch hat sich Turkmenistan von der Außenwelt abgeschirmt. Es exportiert sein Gas zum Teil über russische Pipelines, zum Teil über das Kaspische Meer per Schiff nach Baku (Aserbaidschan) und über Neku (Iran) nach Europa. Für einen Fremden ist die Konfliktlage völlig unübersichtlich und absurd.

3. China baut gute Straßen die den Grundstein für eine Marktwirtschaft wären

Das Straßennetz ist ein hervorragender Indikator für die Entwicklungschancen eines Schwellenlandes. Besonders in Usbekistan lässt sich eine hektische Bautätigkeit beobachten. besonders auf der 480 Km langen Schnellstrasse von Buchara nach Chiwa, die ein Teil des sog. Asia Highway bildet. Usbekistan hat im Vergleich zu seinen Nachbarn neben bedeutsamen Rohstoffvorkommen (Gold, Uran, Erdöl- und Gas) eine relativ gute Verkehrsinfrastruktur. Exporterlöse finanzieren diese modernen teuren Infrastrukturprojekte. Eine Voraussetzung für die Schaffung einer marktwirtschaftlichen Wirtschaftsgrundlage ist damit gegeben – wenn nur der politische Wille da wäre. So behindern autokratische Lenkungsstrukturen, der träge „Kapitalismus von oben“ den effizienten „Kapitalismus von unten“. Volkswirtschaftliche Akzente haben Priorität, der Binnenmarkt bleibt unterentwickelt. Eine Konsumgesellschaft lässt sich „schwieriger regieren“ als eine Produzentengesellschaft – das weiß man in Moskau und in Taschkent. China baut auch in Tadschikistan zahlbare Autobahnen. Unser Taxi-Fahrer wollte aus Kostengründen diese neue Verkehrsarterie nicht nutzen, obgleich er die hohe Qualität lobte. Wir befuhren nahmen also eine antiquierte Bergstrasse aus Sowjetzeiten. Dieser unfreiwillige Abstecher war sehr lehrreich, er zeigte, dass Tadschikistan wirklich das „Armenhaus“ der Region sei. Hat das etwas mit dem dort strengerem Islam zu tun?

4. Demographiefolgen – Türkei, Russland und EU heute beliebte Migrationsländer

Millionen zentralasiatischer Gastarbeiter in Russland und Ausland sind das Resultat hiesiger Arbeitslosigkeit. Woher kommen die Massen? Alle Schwellenländer zeichnet eine junge Demographie und oft Überbevölkerung aus, die wie hier ökonomisch nachteilig ist. So viele junge Gesichter wir man im Baltikum oder Russland – wo die Bevölkerung stagniert – nicht finden. Die reicheren Staaten steuern gegen und richten bescheidene Sozialsysteme ein. Selbst die Familienplanung scheint in der Gegend angekommen zu sein. Usbeken und Tadschiken sind für die hohen Geburtenüberschüsse bekannt. Den Migranten fehlt der Glaube an die Schaffenskraft ihrer Länder – ein schlechtes Zeichen für die Zukunft. Weil sie aber in Russland diskriminiert und ausgebeutet werden, träumen nicht wenige von der EU und Deutschland. Auch die nahe, sprachverwandte Türkei ist beliebt, wenngleich man dort wenig verdienen wird. In die religiös verwandten Golf-Staaten kommt dagegen niemand. Die reichen Glaubensbrüder ziehen es vor, Gelder für den Bau von Moscheen zu spenden. Die von Katar gebaute Große Moschee in Duschanbe ist das imposanteste muslimische Bauwerk der Neuzeit in der Ex-Sowjetunion. Die guten Russisch-Kenntnisse vieler junger Leute, auch der Kinder, die es freiwillig erlernten, wundern in diesem Kontext nicht. Denn mit den Touristen aus dem Norden lassen sich Geschäfte machen, erklärte uns ein junger Usbeke, der so wenig „Business-Russisch“ beherrschte, dass er die Frage nach seinem Alter nicht mehr verstand. Gebürtige Russen trifft man oft in Manager-Positionen in Banken und Hotels. Know how kennt eben keine nationalen Grenzen. Was Zwangsrussifizierung im Zarenreich und in der Sowjetunion nicht schaffte, kann vielleicht heute auf freiwillig-pragmatischer Basis gelingen. Warum soll Russisch nicht die Integrationsbrücke bilden?

Handelsbilanzdefizit, schwache Währungen, unterentwickelter Tourismus – die ökonomische Unreife hat viele Gesichter

Sind Importe bei Verbrauchsgütern normal, werden diese bei Gebrauchsgütern oft als Indikator fehlender industrieller Reife angesehen. Es sei denn, ein Land sei superreich und könne sich jeden Luxus leisten. Generell werden aber Waschmaschinen nicht aus Übersee importiert. Wer durch die Einkaufszentren zentralasiatischer Großstädte bummelt, merkt wie wenig im Inland produziert wird. Eine wettbewerbswirksame Spezialisierung fehlt, genau so wie qualitatives Humankapital. Dieses Unvermögen liegt an zu kleinen Binnenmärkten – Kirgisien und Tadschikistan haben 7 bzw. 9 Millionen Einwohner, die Kostendegressionen („Skalenökonomik“) unmöglich machen. Es fehlt auch an Produktionsstätten weil namhafte West-Investoren kein Risiko eingehen wollen. Im größeren Usbekistan präsentierte uns Taxi-Fahrer Rustan stolz seinen PkW, der in GM-Lizenz gebaut wurde. Schließlich ist es – wie erwähnt – der fehlende politische Wille der eine Integration der Staaten verhindert. Die zentralasiatischen Währungen haben in den vergangenen fünf Jahren gegenüber dem Euro zwischen 25% und 40% an Wert verloren. Der schwache Euro konnte 30% bis 80% an Wert gewinnen. So haben die vier Volkswirtschaften den extremen Abstand zur EU nicht verringern können. Wie stark Interventionen und nicht allein die Wirtschaft den Wechselkurs beeinflussten, ist eine andere Frage. In Usbekistan floriert ungehindert der Schwarzmarkt. Der dortige Kurs war 2016 um gut 50% höher als der offizielle Kurs. Wenn die Banknoten-Nominale extrem hoch ist, sei eine Währung „reformreif“. So war es sich im Ostblock einige Jahre nach dem Fall des Kommunismus, bevor dann „drei oder vier Nullen“ auf den alten Geldscheinen gestrichen wurden. Wer heute 250 Euro in Usbekistan in der Tasche hat, darf sich Millionär nennen. In anderen Ländern, wie den Asien-Champion Vietnam gibt es hohe Nominale aber keinen Schwarzmarkt. Die Wirtschaft floriert. .Mit der weltbekannten Seidenstrasse als Anziehungsmagnet wundert es, warum der Begriff Tourismus in den Ländern Zentralasiens immer noch klein geschrieben wird. Zählen doch viele hiesige historische und Natur-Sehenswürdigkeiten zum Weltkulturerbe? Diese Problematik hat einen breiteren Kontext. Denn es wäre nicht zum ersten Mal, dass Länder, die es „nötig hätten“, weil sie arm und Devisen brauchen, die kostenlose, natürlichen Einnahmequellen ignorieren. Neben den „touristischen Perlen“ (Samarkand, Buchara, Chiwa, Kokand, Sairam, Osch,) hebt sich Kirgisien etwas positiv ab. In der Hauptstadt Bihskek zeigte unser Meeting-Indikator, welcher die Anzahl der Touristen pro Tag misst, Top-Werte. Offenkundig ein positives Zeichen!

Fazit: Mittelasien wird in absehbarer Zeit keine Wachstumsregion werden. Dennoch wirkt beruhigend, dass von hier wegen der starken staatlicher Strukturen und der ökonomischen Anbindung an Russland und China keine islamistischen Gefahren und Migrationswellen ausgehen werden. Grundsätzlich besitzen Länder wie Usbekistan oder Kasachstan das Potential – nach dem Muster der (früheren) Türkei – für einen wirtschaftlichen Aufschwung.


Dr. Viktor Heese – Dozent und Fachbuchautor / www. börsenwissen-für-anfänger.de

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Dr. Viktor Heese - Börsenanalyst, Dozent und Fachbuchautor. Er hat über das postsowjetische Russland und die ehemalige Sowjetunion die Bücher "Die (Un-)Möglichkeit der russischen Imperialpolitik (Tectum 2015) und 25 Jahre danach "Was ist aus der Ex-Sowjetunion geworden?" (epubli 2016) verfasst.